An den Flüssen Babylons

1. August 2010  

  

An den Strömen Babels, dort hatten wir Sitz, auch noch weinten wir in unserem Gedenken an Zion. (Ps. 137, 1) 

 

Ich hatte ja verschiedentlich — so zum Beispiel hier, hier oder hier — schon begründet, warum die kirchlichen Systeme mit ihrem Klerikalismus und ihrer heidnisch-christlichen Religionsvermischung nie eine geistliche Daseinsberechtigung hatten und — da Gott sein Wort nicht ändert — auch nie haben werden. Sie leiten sich nicht aus der Schrift her, sondern allein aus der Kirchengeschichte. Von daher sollte jeder ernsthafte Christ prüfen, inwiefern er es verantworten kann, in einer solchen Struktur seine »geistliche Heimat« zu sehen. Das häufigste Argument, das Christen davon abhält, die Denominationen zu verlassen, ist der Verweis auf eine mangelnde »geistliche Infrastruktur« außerhalb der bestehenden Kirchen. Zwar erkennen viele, daß die denominationell verfaßten Gemeinden kein biblisches Vorbild haben; sie zu verlassen, würde jedoch bedeuten, auf regelmäßige Versorgung mit — vermeintlicher oder tatsächlicher — geistlicher Gemeinschaft zu verzichten. Wenn es irgendwo eine bessere, biblisch fundierte Struktur gäbe, würde man sich dieser ja gern anschließen, doch ist eine solche in Wohnortnähe meist nicht zu finden.

Der große Selbstbetrug

28. Juli 2010

 

Über Liebe, Gesetz, Gnade, Glaube, Treue und Werke

 

Protestanten denken mitunter mit etwas Häme an das katholische Beichtsystem, das von etlichen Katholiken derart verstanden wird, daß sie »fröhlich sündigen« könnten, dies anschließend beichten und hernach munter weitermachen wie zuvor. Dies ist natürlich eine absurde Haltung, weil die Voraussetzung für eine gültige Vergebung ein Sinneswandel ist, und der erfordert natürlich ein bewußtes, zielgerichtetes Aufgeben der Verfehlung.

Grund zur Häme haben die Protstanten trotzdem nicht, denn das Rechtfertigungssystem, das sie stattdessen errichtet haben, ist in seinen geistlichen Auswirkungen kaum besser. Überspitzt gesagt, ist an die Stelle der regelmäßigen Beichte die einmalige Bekehrung (wenn nicht gar, wie bei einigen Kirchen, die Säuglings»taufe«) getreten: Wer irgendwann ein »Übergabegebet« gesprochen hat (oder eben als Säugling besprengt wurde) und fürderhin unauffällig irgendwelche Gemeindeversammlungen besucht, gilt als gerettet. Wenn es gewisse Fortschritte in seiner Lebensführung gibt, wird dies sicher begrüßt; konkrete Forderungen werden jedoch in der Regel nicht gestellt, um den Vorwurf der Gesetzlichkeit zu vermeiden.

Citat des Tages IXX

26. Juli 2010

 

 

Nina Belz berichtet in der F.A.Z. aus Duisburg: 

Mehrere hundert Leute tanzen hier, in der verkehrsfreien Innenstadt, auf dem Brunnen, an Straßenlaternen, den Kopf in Richtung »Love Mobile«, wo ein DJ die Masse anheizt. Sie wollen noch alles geben, bevor die Stecker gezogen werden. Menschen gehen mitten auf der Straße, sitzen auf Gehsteigen, essen, schlafen, trinken, lehnen berauscht an den Hausmauern. Die Toten auf dem Weg zu Gelände? Ja, davon hätten sie gehört, wie viele waren's noch mal, 17? Oder 30? Schon kraß. Sag' mal, hast Du nicht Lust, ein bißchen mitzutanzen?

 

Es waren aber zu der Zeit etliche dabei, die verkündigten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihrem Opfer vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meinet ihr, daß diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder gewesen sind, dieweil sie das erlitten haben? Ich sage: Nein; sondern so ihr nicht umdenkt, werdet ihr alle auch also umkommen. Oder meinet ihr, daß die achtzehn, auf die der Turm von Siloah fiel und erschlug sie, seien schuldig gewesen vor allen Menschen, die zu Jerusalem wohnen? Ich sage: Nein; sondern so ihr nicht umdenkt, werdet ihr alle auch also umkommen. (Lk. 13, 1ff)
 

 

… nachgetragen

Gelegentlich aktualisiere ich Geiernotizen nachträglich bzw. ergänze zusätzliche Informationen. Bisher hatten regelmäßige Leser keine Möglichkeit, dies systematisch nachzuverfolgen. Ab sofort gibt es dieses Nachtrags-Protokoll, das auf solche Ergänzungen hinweist.

 

Zuletzt ergänzter Begriff im Glossar [G]: Zielgebung

 

 

Zuletzt wurden folgende Artikel aktualisiert:


26. 7. 10: tschuldigung und Erst mal die Kamele … sowie Kinderverstaatlichung

 

21. 7. 10: Kastraten (zwei Absätze ergänzt)

 

18. 7. 10: Von Darwin zum »Lebensborn«

 

v. Schmids Gute-Nacht-Geschichten

21. Juli 2010

 

 

Ich bin im Besitze eines kleinen antiquarischen Bändchens mit »Kurzen Erzählungen« des Christoph von Schmid, erschienen 1918 in Regensburg. Früher habe ich diese gelegentlich als Gute-Nacht-Geschichten zum Einsatz gebracht. Eigentlich sind sie mehr moralisch als wirklich geistlich, als Denkanregung zum Teil aber trotzdem gar nicht verkehrt. Gewöhnungsbedürftig sind dem heutigen Leser unter Umständen die Verse, mit denen v. Schmid die Geschichten abschließt und die mitunter hart an der Kitschgrenze schrammen.

Folgend ein Beispiel; schade ist, daß ich die Geschichte hier nicht in Fraktur wiedergeben kann:

 

Klug werden

17. Juli 2010

 

 

 

 Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. (Ps. 90, 12; Luther-Üs.)

 

Denn wir müssen gewißlich sterben und sind wie Wasser, das auf die Erde geschüttet ist, welches man nicht wieder sammeln kann; aber Elohim nimmt nicht die Seele weg, sondern er sinnt darauf, daß der Verlorene nicht von ihm weg verloren bleibe. (2. Sam. 14, 14)

 


Photo © Geier

 

 

 

Kastraten

10. Juli 2010

 

Das (frei)kirchliche Missionsmodell macht den Nichtkleriker zu einem »Einlader«. Wohl soll er Freunde und Collegen durchaus in die Versammlungen mitbringen, wo sie dann jedoch von professionellen Predigern — am besten bei speziellen »Gästegottesdiensten« — »evangelisiert« werden sollen. Dem einzelnen Christen wird jedoch grundsätzlich nicht zugetraut, den Ratschluß Gottes selbst Außenstehenden nahezubringen. Und tatsächlich: Er kann es regelmäßig wirklich nicht. Denn in den Versammlungen wird er nicht darin eingeübt, das Wort Gottes zu verkündigen. Da er dort nur als passiver Zuhörer zugelassen wird, ist er »draußen«, in der Welt, erst recht passiv.

Die »Zuhörergottesdienste«, die eine Versammlung in wenige Aktive und eine Mehrheit der Passiven unterteilen, bewirken also vor allem, daß sie diejenigen, die darin sitzen, »kastrieren«, also geistlich unfruchtbar machen, ihnen abgewöhnen, geistlichen Samen — das Wort Gottes — zu »produzieren« und weiterzugeben. Die Hammel in Gottes Herde, die eigentlich Nachwuchs zeugen sollten, werden solcherweise zu Schöpsen*.

Operation Entebbe

4. Juli 2010

 

In der Nacht von dritten auf den vierten Juli jährt sich zum vierunddreißigsten mal die Geiselbefreiung von Entebbe.

Palästinensische und deutsche Terroristen hatten 1976 eine Air-France-Maschine entführt und auf dem Flugplatz Entebbe in Uganda, dem Reich des Schlächters Idi Amin, zur Landung gezwungen. Idi Amin ist ein Kapitel für sich; an dieser Stelle soll der Hinweis genügen, daß er sich selbst als »Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Al Hadij Doktor Idi Amin Dada, VC, DSO, MC, Herr all der Kreaturen des Landes und aller Fische der Meere und Eroberer des Britischen Empires in Afrika im allgemeinen und Uganda im besonderen« bezeichnete. Und das war keine Selbstironie.

Im Krieg

30. Juni 2010 

 

 

 

Wenn Robert Sedlatzek-Müller auf eine Feier eingeladen ist und die Männer über Winterreifen, die Frauen über Schuhe reden, kann er nicht mehr mit. Sedlatzek-Müller lebt im Krieg, und es erscheint ihm befremdlich, sich über solche Belanglosigkeiten auszutauschen — und dies wiederum befremdet seine Mitmenschen. Mitten in Deutschland lebt er in einer komplett anderen Welt als die Mehrheit der Gesellschaft.

Vor acht Jahren, in Afghanistan, demontieren Kameraden des Hundeführers eines Kampfmittelspürhundes eine sowjetische Flugabwehrrakete, ein Überbleibsel aus dem afghanisch-sowjetischen Krieg. Diese explodiert, er wird durch die Luft geschleudert, verletzt, von umherfliegenden Körperteilen seiner Kameraden getroffen, die dann überall verstreut liegen. Fünf ISAF-Soldaten sind tot, mehrere verletzt.

Citat des Tages XVIII

25. Juni 2010

 

Wer kann von dieser seichten Kost leben, wenn er nicht mehr im Gemeindesaal, sondern in einer gemeinen Gefängniszelle sitzt? Wenn nicht mehr fröhlich getanzt, sondern fies gefoltert wird? Wie sollen die jungen Christen, die wir mit coolen Kurzpredigten unterfordern und unterernähren, sich einmal bewähren, wenn es hart auf hart kommt? Oder denken wir etwa, die weltweite Christenverfolgungswelle wird ausgerechnet um das liebe »Old Germany«, die Insel der Seligen, einen Bogen machen? Wir haben wohl vergessen, was Paulus (aus dem Gefängnis!) geschrieben hat: »Alle, die gottesfürchtig leben wollen in Jesus Christus, müssen Verfolgung leiden« (2. Timotheus 3, 12). Ich genieße es voll Dankbarkeit, daß ich nach den DDR-Jahren in einem freien, demokratischen Land leben darf, in dem ich wegen meines Glaubens an Jesus weder diskriminiert noch verfolgt werde. Aber ich sehe das als eine Atempause an, die Gott uns gönnt, zum Luft-Holen. Denn daß das alles immer so friedlich bleiben wird, wird mir angesichts der Entwicklung in der Welt immer unwahrscheinlicher. Wir sollten die Atempause benutzen, um uns auf die Zeiten vorzubereiten, in denen Christ-Sein nicht mehr »geil«, sondern gefährlich ist. Was wir brauchen, sind bibelfeste, feuerfeste, KZ-fähige Christen.

 

Theo Lehmann

 

 

 

 

 

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