Abwehrzauber gestern und heute

 

26. März 2012

 

Schutz- bzw. Abwehrzauber, sogenannte »apotropäische Handlungen«, gehören zum Standardrepertoire esoterisch verwirrter Seelen aller Kulturen. Gegenstände, die an dem zu schützenden Gut angebracht werden, sollen dieses vor bösen Einflüssen schützen. Allein das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« nennt auf einem Dutzend Seiten so viele Variationen, daß diese unmöglich alle hier aufgeführt werden können.

Einige seien trotzdem kurz genannt: Ziemlich bekannt sind die oben abgebildeten gekreuzten Pferdeköpfe am Hausgiebel, die in verschiedenen Gegenden Deutschlands vorkommen und auf germanische Wurzeln zurückgehen, ebenso wie die Germanen auch Tierschädel an Giebeln und über Türöffnungen anbrachten, um böse Mächte abzuwehren. An Wikingerschiffen wurden Drachenköpfe angebracht, um sie zu schützen. Der Versuch, Dämonen durch möglichst grausiges Bildwerk abzuschrecken ist seit der Antike überliefert.

Die Katholisierung des Heidentums hat am Aberglauben nichts geändert: Das Bild der Heiligen Leonhard oder Wolfgang, auf einem Blechtäfelchen über der Stalltür angebracht, soll gegen das Einbrechen wilder Tiere schützen. Am Dreikönigstag wird an Haustüren katholischer Haushalte heute noch mit geweihter Kreide C+M+B geschrieben. Hufeisen werden über Stall-und Eingangstüren genagelt, mitunter auch am Kühlergrill von Kraftfahrzeugen angebracht.

Schrift und Geschriebenes

24. März 2012

 

Als amerikanische Soldaten in Afghanistan im Februar in einem Gefängnis beschlagnahmtes Material verbrannten, waren auch Quran-Exemplare unter diese Papiere geraten. Das hätte ja schon gehörig Ärger gegeben, wenn es in Deutschland passiert wäre: Papier verbrennen unter freiem Himmel, Rauch produzieren und Feinstaub, ohne die vorgeschriebenen Filteranlagen, mit denen eine deutsche Müllverbrennungsanlage ausgerüstet zu sein hat, verstößt erstens gegen das Bundes-Emissionsschutz-Gesetz, zweitens ist es Frevel gegen die staatlich verordnete Klima-Religion. Da hätte man sich schnell eine Ordnungsstrafe eingehandelt. In Afghanistan wird das aber noch einmal ganz anders bewertet: Als einige Afghanen die Quranschändung bemerkten, machten sie dies publik, und das Land wurde von einer blutigen Protestwelle erfaßt, der bisher schon über dreißig Menschen zum Opfer fielen.

Der Amoklauf eines Soldaten kurz darauf im März, bei dem sechzehn oder siebzehn Afghanen ums Leben kamen, unter ihnen viele Kinder, hat zwar auch zu Protesten geführt, aber diese scheinen nicht annähernd so heftig ausgefallen zu sein. Zählen Menschenleben in Afghanistan also weniger als bedrucktes Papier? Nun gibt es keine Maßeinheit für Empörung, und auch die Zahl der Toten im Gefolge der Proteste ist kein Indikator im mathematisch exakten Sinne. So scheint es einerseits zwar offensichtlich, daß ein verbrannter Quran die afghanischen Gemüter stärker erhitzt als ein erschossenes Kind, nachzuweisen ist es indes nur schwer.

Über Bezahlonkels und den Kern des Evangeliums

18. März 2012

 

Letzte Woche habe ich in der Zeitung gelesen: Über 8 Millionen Philippinos arbeiten im Ausland und versuchen auf diese Weise, sich oder ihre Familien durchzubringen. Es gibt auf den Inseln einfach nicht genug Arbeit für alle. Häufig sind es Familienväter, die im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken. Da kann es schon einmal vorkommen, daß es Ärger gibt, wenn sie heimkommen: Streit um die Erziehung der Kinder zum Beispiel, die sie sich ganz anders vorgestellt hatten. Durch die Ferne sind sie zu Bezahlonkeln geworden, deren Geld gern genommen, denen aber kein wirklicher Einfluß zugestanden wird. Nun ist dieses Familienmodell buchstäblich aus der Not geboren und nicht ideal; freilich gibt es auch hier in Deutschland ein großes Heer von Bezahlonkeln. Zumeist hat es diese zwar nicht durch wirtschaftliche Not ins Ausland verschlagen, sondern sie wurden aus ihren Familien herausgedrängt und von Familienrichtern dazu verurteilt, für den Unterhalt ihrer Familie zu zahlen, ohne aber deren Geschicke wirklich steuern zu dürfen.

All das hat mich zu dem Gedanken veranlaßt, daß auch viele Christen Gott so behandeln: Wie einen fernen Vater, ja einen Onkel in Übersee, der dafür verantwortlich ist, unsere Rechnungen zu begleichen, uns aber ansonsten möglichst nicht dazwischenreden möge.

Henryk M. Broder · »Vergeßt Auschwitz!«

12. März 2012

 

Henryk M. Broder

»Vergeßt Auschwitz!«

Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage

 

Gebunden, 176 Seiten, € 16,99

Albrecht Knaus Verlag

ISBN 978-3813504521

 

Gelegentlich fällt es nicht ganz leicht, Broder ernstzunehmen. Mit seinem Hang zur Kasperei leistet er sich mitunter Provokationen, die völlig unnötig scheinen. Und doch bringt er andererseits immer wieder wichtige und kluge Impulse in den öffentlichen Diskurs ein.

Citat des Tages LII

10. März 2012

 

Soweit ich es beobachten kann, befinden sich die evangelikalen Freikirchen heute etwa auf dem selben geistlichen Niveau wie die großen Landeskirchen vor 30 bis 40 Jahren. Das Christentum wird zwar noch bekannt, aber nicht mehr gelebt. 

 

gefunden auf »Christlicher Aussteiger«

 

 

 

»Mit Gottvertrauen Bildung bauen«

9. März 2012

 

Der sehenswerte Film über Familie Dudek, den ich letztens als »Link des Tages« vorgestellt hatte, kann jetzt hier als DVD bestellt werden.

 

 

 

Kinder-Geburts-Tag

4. März 2012

 

Nachdem ich im Juni 2009 den gewaltsamen Tod des Abtreibungsarztes Tiller als »postnatale Spätabtreibung« bezeichnet hatte, gab es doch tatsächlich (wenn auch nur sehr vereinzelt) Leser, die das cynisch fanden. Dabei ist es zwar gesellschaftlich üblich, ein pränatales Umbringen als Abtreibung, ein postnatales hingegen als Mord zu bezeichnen, tatsächlich aber ist der Unterschied ein rein quantitativer, kein qualitativer: Tot ist tot, und der Zeitpunkt der Geburt als Stichtag für ein erlaubtes oder unerlaubtes Umbringen ist reine Willkür. Die wachstümliche Entwicklung des Menschen beginnt lange vor der Geburt und ist lange nach der Geburt noch nicht abgeschlossen.

Ausgerechnet radikale Abtreibungsbefürworter haben diese schlichte Tatsache nun ausdrücklich anerkannt, wenn auch unter umgekehrtem Vorzeichen: 

In einem Artikel für das »Journal für Medizinethik« stellen die Autoren Alberto Giubilini (Universität Mailand) und Francesca Minerva (Universität Melbourne) die Frage: »Nachgeburtliche Abtreibung: Warum sollte das Baby leben?«*. Darauf aufbauend, daß vorgeburtliche Abtreibung ja bereits weitgehend akzeptiert sei, leiten sie aus der Tatsache, daß es kein moralischer Unterschied ist, ein Kind vorgeburtlich oder nachgeburtlich zu töten, die Folgerung ab, daß es demnach in allen Fällen, wo Abtreibung akzeptiert sei, auch gestattet werden solle, Kleinkinder zu töten. Die Gründe, die für eine Abtreibung angeführt werden — Behinderungen des Kindes oder die persönlichen Gründe der Mutter — hätten sich mit der Geburt des Kindes schließlich nicht geändert. Die Autoren benennen eine Reihe von Gründen, die es einer Mutter unerträglich erscheinen lassen könnten, ihr Kind aufzuziehen — zum Beispiel, wenn sie ihren Partner verliert, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfährt — und erklären:

Citat des Tages LI

1. März 2012

 

 

 

Die ganze Tragikomik der Emanzipation offenbart sich, wenn man sieht, was die emanzipierte Frau anstelle von Kindern so zur Welt bringt: vom Handyklingelton bis zur soziologischen Studie über das Nichtvorhandensein von Geschlechtsunterschieden. 

 

Michael Klonovsky

 

in: »Jede Seite ist die falsche« · Aphorismen und Ähnliches

 

 

 

 

 

 

 

Abb.: Nutzung mit freundlicher Genehmigung.

 

Deborah und Pilatus

27. Februar 2012

Deborah wird in der heutigen Mainstream-Theologie häufig als Vorbild für geistliche Frauen bezeichnet, und wir wollen kurz der Frage nachspüren, ob sie dies wirklich sein kann.
Typischerweise wird argumentiert, daß es damals einen Mangel an Männern gegeben habe, die bereit gewesen wären, die Verantwortung für das Volk zu tragen, weswegen Gott dann Deborah berufen habe. Analog dazu wird heute ein ähnlicher Zustand diagnostiziert, weswegen Gott eben auch heute Frauen in Verantwortungen berufen müsse, von denen wir eigentlich aus der Schrift genau wissen, daß er sie Männern vorbehalten hat. Es wird also ein »überbiblischer Notstand« konstruiert, eine ganz besondere Notsituation, in der nicht mehr gelte, was geschrieben steht: Die starken Frauen müßten nun den Mangel der schwachen Männer ausgleichen.
Aber taugt Deborah wirklich als Vorbild dafür, daß im Neuen Bund Männer von Frauen belehrt, korrigiert, beurteilt und geleitet werden sollten?

Zur Stützung dieser These wird Richter 5, 7 angeführt, wie hier von Schlachter übersetzt:
»Es fehlten Führer in Israel, sie fehlten, bis ich, Deborah, aufstand.«

Citat des Tages L

20. Februar 2012

 

In seiner ersten Wahlperiode hatte er Biss, regte Änderungen an und setzte einen Schwerpunkt auf den Abbau der Staatsverschuldung. Die wenigen, die ihm nahestanden und -stehen, sehen einen tieferen Umbruch in der Zeit zwischen 2006 und 2008. In diese Zeit fällt die Scheidung von seiner ersten Frau Christiane und seine Eheschließung mit Bettina Körner. Damals hätten sich Wulffs Offenheit für Rat, seine Einschätzungen und wohl auch seine Haltung verändert, ist zu hören. … Wulff ist nicht nur der Schwiegersohntyp, als den sein Sprecher und Berater Olaf Glaeseker ihn zu stilisieren wusste. Das galt verstärkt nach seiner Wiederwahl 2008, die zeitlich mit dem Scheitern seiner ersten Ehe und seiner neuen Beziehung zusammenhing. Die Beziehung zu Bettina Körner hat ihn spürbar „verjüngt“ und belebt, ließ ihn aber auch andere Prioritäten im Leben setzen. Er wurde noch empfindlicher gegenüber Kritik, und fand mit seiner Frau Bettina eine neue Chefberaterin.

 

Robert von Lucius in einem »Nachruf« auf Christian Wulff

 

 

 

 

Rückblick 1. Lesertreffen

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