Der dritte Sargnagel

15. Juni 2012

 

Nachdem ich schon die Entkopplung von Leistung und Einkommen sowie hier und hier auch die Entkopplung von Sexualität und Reproduktion als Sargnägel der westlichen Civilisation bezeichnet hatte, ist mir letztens in einem lesenswerten Artikel der Süddeutschen ein weiterer untergekommen: Die Entkopplung von Risiko und Verantwortung. Heike Faller geht dort der Frage nach, wie es sein konnte, daß solch weittragende Entwicklungen wie die Etablierung der halbseidenen Finanzprodukte, die nach und nach das ganze internationale Geldsystem ins Wanken bringen, jahrelang weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit geblieben und selbst den meisten Fachjournalisten entgangen sind und schreibt dort:

Natürlich sind ABS [Asset Backed Securities] an sich nicht böse. Sie sind nur eine mathematisch-juristische Konstruktion, die es den Banken ermöglicht, Kredite zu vergeben, ohne dafür zu haften. Sie trennen den Schuldner vom Gläubiger, das Risiko von der Haftung, den Kredit von der Kreditwürdigkeit. Den kalifornischen Landarbeiter, dem eine Villa finanziert wurde, von dem Sachbearbeiter, der das verantwortete.

 

 

 


 

 

 

 

 

Aus aktuellem Anlaß ausgegraben: »Fuß-Baal«

11. Juni 2012

 

Es steht schlecht um den Katholizismus. Sehr schlecht. Menschlich enttäuscht und offenbar zutiefst verstört und bedrückt über die »Vatileaks«- bzw. »Raben«-Affaire (ein vaticanischer Kammerdiener hatte vermutlich über einen längeren Zeitraum vertrauliche Dokumente entwendet und an die Presse verkauft), gibt der Papst in einem Brief an die polnischen Bischöfe nunmehr zu, daß es nicht der Katholizismus sei, sondern allein die Konkurrenzreligion Fußball, welche »die Achtung vor anderen, auch … Gegnern, sowie persönliche Opfer für das Wohl der Gruppe lehrt« und dabei hülfe »sich über die Logik des Individualismus und Egoismus, die oft das menschliche Miteinander prägen, zu einer Logik der Brüderlichkeit und Liebe zu erheben, die es erlaubt — auf jeder Ebene — eine Gemeinschaft aufzubauen, die das Wohlergehen all ihrer Mitglieder fördert«. Ich will ehrlich sein: Ich hatte ja ohnehin schon gelegentlich Zweifel, daß ausgerechnet der Katholizismus solches leisten könne. Der Aufruf des Papstes zur Conversion hat jedenfalls bei den gehorsamsgewohnten Katholiken ein großes Echo hervorgerufen, nicht nur in Polen, sondern auch in anderen Weltgegenden huldigte man sogleich dem neuen Gott, und ganze Priesterseminare bekehrten sich spontan zum Fußball, den der Pontifex als »Ausdruck der edelsten menschlichen Bestrebungen und Tätigkeiten im Geist des Friedens und der ehrlichen Freude« sieht.

Citat des Tages LVII

9. Juni 2012

 

»An einer Idee um der Idee willen festzuhalten, nur um nicht zugeben zu müssen, daß man sich vertan hat, macht einen Irrtum zum Verhängnis.«

 

Henryk M. Broder in »Europas Größenwahn führt zu seinem Untergang«

 

 

 

 

Kleine Zeitungsschau VII

2. Juni 2012

 

Fukushima ist doch immer noch für eine Schlagzeile gut, auch nach über einem Jahr. Jetzt heißt es verschiedentlich: »Verstrahlter Thunfisch aufgetaucht«. Natürlich ist der Thunfisch radioaktiv, aber das ist eine Schaufel Gartenerde auch. Wenn man sich nämlich einmal die Zahlen ansieht und einen Taschenrechner zur Hand nimmt, stellt man fest: Man müßte täglich 20 kg von diesem »verstrahlten« Thunfisch essen, also über sieben Tonnen im Jahr, um auch nur auf die Strahlungswerte zu kommen, die der durchschnittliche Deutsche durch natürliche Umgebungsradioaktivität aufnimmt. Und diese ist bekanntermaßen völlig ungefährlich. Im Schwarzwald und im Erzgebirge ist die natürliche Strahlung um ein Vielfaches höher, da kann stellenweise schon mal das Äquivalent von fast zwei Zentnern »verstrahltem« Thunfisch täglich(!) erreicht werden. Stewardessen und sonstiges fliegendes Personal müßten sogar ca. 160 kg Thunfisch am Tag bzw. 58 Tonnen pro Jahr essen, um soviel Radioaktivität aufzunehmen, wie sie an ihrem Arbeitsplatz abbekommen. Guten Appetit.

 

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Citat des Tages LVI

31. Mai 2012

 

Today, one of the most powerful religions in the Western World is environmentalism.
Environmentalism seems to be the religion of choice for urban atheists. Increasingly it seems facts aren't necessary, because the tenets of environmentalism are all about belief.

 

Michael Crichton, Schriftsteller, 2003

 

 

(Heutzutage ist der Ökologismus eine der mächtigsten Religionen der westlichen Welt. Für städtische Atheisten scheint Ökologismus die Religion ihrer Wahl zu sein. Zunehmend sieht es so aus, als seien Fakten überflüssig geworden, denn die Dogmen des Ökologismus sind reine Glaubenssache.)

 

 

 


 

 

 

 

Dank und Grüße an alle Müller zum Deutschen Mühlentag 2012!

28. Mai 2012
  

  

5. Mose 24, 6:

Nicht pfände einer ein Mühlsteinpaar oder ein Mahlgerät, denn die Seele würde er pfänden!  

 

 

  

Mt. 24, 41f:

Es werden zwei mit dem Mühlstein mahlen: Eine wird beiseitegenommen, und eine wird dagelassen. Wachet daher, da ihr nicht gewahret, in was für einem Tag euer Herr kommt.

 

 

Citat des Tages LV

26. Mai 2012

 

Das allseits geforderte umfassende staatliche Betreuungsangebot entpuppt sich hinterrücks als Waffe gegen das Recht auf Erziehung, das das Grundgesetz »zuvörderst den Eltern« sichert. Dieses privilegierte Elternrecht endet nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes nach drei Jahren. Anscheinend sind die Kinder nach dieser Sichtweise vom Staat den Eltern nur befristet ausgeliehen worden, und zwar solange sie sich gut führen. Das Kindergeld ist danach eine Art von Schadensersatz, den der Staat den Eltern gewährt.

 

Dr. Norbert Blüm, Bundesarbeitsminister a. D.

in: »Freiheit! Über die Enteignung der Kindheit und die Verstaatlichung der Familie«

 

 

 


 

 

 

Uwe Romeike im Interview: »… daß die Familie nicht auseinandergerissen wird …«

23. Mai 2012

 
Seit August 2008 lebt die schwäbische Familie Romeike in
Morristown, Tennessee. Als Heimschulfamilie waren die Romeikes in Deutschland nicht mehr sicher, so daß sie mit damals fünf Kindern in die USA emigrierten, dort Asyl beantragten und in erster Instanz im Januar 2010 auch erhielten. Das Urteil von Richter Burman kann man ohne Übertreibung als Ohrfeige für den deutschen Sonderweg der radikalen Kriminalisierung von Heimschulfamilien bezeichnen. Zurecht hat es damals ein kleines Medienbeben ausgelöst, daß eine deutsche Familie Asyl in den USA erhält — nicht 1940, sondern siebzig Jahre später. Die Geiernotizen haben jetzt im Gespräch mit Uwe Romeike nachgehakt: Was ist aus der Sache inzwischen geworden?

 

 

In Deutschland hat es die Nachricht, daß ein Richter in Tennessee einer deutschen Familie Asyl gewährt hat, bis in die Leitmedien geschafft. Wie hat die Öffentlichkeit in den USA — die Presse, aber auch die Menschen, denen Sie begegnen — auf die Angelegenheit reagiert?

Durchweg positiv und unterstützend. Wir wurden sehr herzlich aufgenommen.

 

Neues Land, neue Sprache, neues soziales Umfeld — wie haben die Kinder damals die Umstellung verkraftet?

Umbringen, um zu beleben

19. Mai 2012 

Im März hatte ich bereits den Unterschied zwischen γραφη (Geschriebene[s]) und γράμμα (Schrift) erwähnt und in diesem Zusammenhang auch 2. Kor. 3, 6 angeführt:

»Er macht uns auch tauglich zu Dienern des neuen Bundes, nicht der Schrift, sondern des Geistes; denn die Schrift bringt um, aber der Geist macht leben.«

Dieser Satz lädt freilich zu verschiedenen Mißverständnissen ein, die tatsächlich auch typischer und fester Bestandteil christlicher Theologie und Verkündigung geworden sind.

Das erstes Mißverständnis besagt: Die Schrift sei schlecht*. Dies ist nicht so. Die Schrift (γράμμα) ist die notwendige äußere Form des Geschriebenen (γραφη); sie ist nötig, um Gottes Wort über die Jahrhunderte hin zu bewahren und hat damit einen festen Platz im Wirken Jahwehs mit den Menschen. Aber kann etwas gut sein, das uns tötet?

Rindfleischtheologie

12. Mai 2012

 

Man soll ja von einem Ochsen nicht mehr als Rindfleisch erwarten. Und man soll von einer Landeskirche nicht mehr als … nun ja, ich will nun nicht zu solch starken Worten wie »Bullshit« greifen, auch wenn ich mit Paulos ein honoriges Vorbild für solche Wortwahl geltend machen könnte … aber doch scheint es wohl vermessen, kirchlicherseits die geistlich saubere Beurteilung eines alltäglichen Sachverhaltes zu erwarten, und wenn es auch nur ein ganz kleiner, provinzieller, unbedeutender wäre; von einer Landeskirche wie der sächsischen zumal, die sich gerade für den bahnbrechenden, kirchenspaltungsabwendenden und versöhnungsstiftenden Kompromiß gefeiert hat, daß künftig zwar PfarrerInnen mit ihren homosexuellen GespielInnen die PfarrhäuserInnen bevölkern dürfen, aber zum Ausgleich beschlossen wurde, daß Ehe und Familie ja irgendwie auch ganz nett sind und nach wie vor eine gewisse (ja sogar biblische!) Berechtigung hätten. Ich soll mich nicht so aufregen? Der Blutdruck? Paßt schon; der meine ist von Natur aus so niedrig, daß ein moderater Anstieg nicht viel Schaden macht.

Rückblick 1. Lesertreffen

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