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Benzin am Stiel


By Geier - Posted on 29 August 2012

29. August 2012

 

Die Älteren erinnern sich vielleicht noch: In den Fünfzigern wurde in der DDR gesungen: 

Der Mais, der Mais, wie jeder weiß,
das ist ein strammer Bengel,
der Mais, der Mais, wie jeder weiß,
das ist die Wurst am Stengel.

Damals hatte die chruschtschowsche Agrarpolitik, die natürlich auch auf die sowjetischen Satellitenstaaten des Ostblocks ausstrahlte, den Maisanbau drastisch forçiert. Hintergrund war der deutlich geringere Pro-Kopf-Fleischverbrauch im Vergleich zum Westen. Der Mais sollte als Kraftfutter für die Schweinemast das Fleischangebot vervielfachen und somit den Abstand des Lebensstandards verringern. Was in der Theorie noch ganz vernünftig erschien, scheiterte an der Praxis: 45 Millionen Hektar Neuland hatte Chruschtschow mit Mais bebauen lassen, die Propagandamaschinerie feierte den Mais als »Friedensrakete« und »Wurst am Stengel«. Aber weder die Böden noch die klimatischen Verhältnisse waren geeignet, den Erfolg, den die Landwirtschaft der USA mit dem Mais hatte, einfach in der Sowjetunion zu kopieren. Teile der sowjetischen Landwirtschaft (und auch der in der DDR) wurden durch die verfehlte Politik ruiniert, in den Sechzigern zog Chruschtschow in der Maisfrage schließlich die Notbremse.

Scenenwechsel: Deutschland nach der Jahrtausendwende. Fleisch wird hier eher zu viel als zu wenig gegessen. Für eine »Wurst am Stengel« gibt es also kaum Bedarf. Aber wieder soll es der Mais richten: Mit gigantischen Subventionen fördert die deutsche Politik den Maisanbau. Inzwischen ist von der »Vermaisung« ganzer Landstriche die Rede: Eine neue Monokultur entsteht. Diesmal geht es nicht um den Nährwert des Maises, sondern um seinen Brennwert: In Biogasanlagen wird er in verstrombares Gas umgewandelt, er wird zu Biodiesel und zu Ethanol verarbeitet, das wiederum Benzin beigemischt wird — die chruschtschowsche  »Wurst am Stengel« ist zum merkelschen »Benzin am Stiel« mutiert.

Die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, ein Nährmittel zu verfeuern, ist dabei gar nicht so leicht zu beantworten. Wird der Energiemais denn nicht zusätzlich angebaut, auf Flächen also, die sonst womöglich brachliegen würden? Dies mag die gute Absicht sein, in der Realität hat sich aber doch gezeigt, daß Ernährung und Energieproduktion nicht voneinander zu trennen sind: Die diesjährige Dürre in den USA hat dort zu drastischen Ertragseinbrüchen beim Mais geführt, die den Weltmarktpreis in die Höhe getrieben haben. Das wirkt sich natürlich auf die Nahrungspreise aus. Deutsche Landwirte freuen sich einstweilen: Neben den Subventionen profitieren sie zusätzlich vom unerwartet hohen Preis des Maises. Die Lebensmittelpreise dürften hier etwas anziehen, in armen Ländern bedeutet dieses »etwas« aber mehr Hunger. Auch das gehört zum Preis, der für die »Energiewende« zu zahlen ist, für die Abkehr von fossilen Brennstoffen und Kernenergie. Allerdings hat die steigende Nachfrage nach landwirtschaftlich nutzbaren Flächen schon zu einem Preisanstieg geführt, der es für Kleinbauern schwierig bis unmöglich macht, Anbauflächen zu erwerben. Große Investitionsfirmen kaufen die Äcker zu Preisen auf, die für kleine Landwirte nicht aufzubringen sind. Das wiederum wirkt sich auf die Struktur der Landwirtschaft aus. Sie verschiebt sich weiter weg vom bäuerlichen Familienbetrieb hin zur agrarischen Industrie. Inzwischen wird das selbst einigen Grünen unheimlich. Genossin Künast, die 2004 als Bundesagrarministerin noch verkündete: »Wir wollen weg vom Öl. Natürlich sind mit Biodiesel und der in Kürze zu erwartenden Markteinführung von Ethanol als Beimischung erste, wichtige Schritte getan.« behauptet inzwischen: »Wir waren immer gegen E10« und fordert, sämtliche staatlichen Anreize für den Maisanbau zu streichen. Was kümmert sie ihr Geschwätz von gestern.

Jenseits der ethischen Frage stellt sich aber die ökonomische, und die spricht eindeutig gegen den Mais als Ethanol-Lieferanten. So, wie die Sowjetunion damals die amerikanischen Erfolge im Maisanbau nicht auf die eigene Landwirtschaft übertragen konnte, gelingt es heute nicht, die brasilianischen Erfolge bei der Verarbeitung von Zuckerrohr zu Ethanol mit Mais zu wiederholen. Sowohl was Umweltbelastung, z. B. durch Pestizide und Dünger angeht, als auch was die Kosten betrifft, ist Mais deutlich ungünstiger als Zuckerrohr. Trotzdem werden in den USA bereits 42% der Maisernte zu Ethanol verarbeitet, allerdings um den Preis exorbitanter Subventionen: Jede Gallone (ca. 3,8 l) wird mit 1,78 Dollar gestützt.

Wer alles am Ethanol mitverdient, ist hier nachzulesen.

 

 

 

 

Abb.: © R. Conrad / Geier

Rückblick 1. Lesertreffen

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