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Archive - 2012
April 7th
Das erfundene Volk
7. April 2012
»There is no such thing as a Palestinian people.« — »So etwas wie ein palästinensisches Volk gibt es nicht.« Diese Aussage von Golda Meïr, der israelischen Premierministerin von 1969 bis 1974, hat der mögliche republikanische Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich in einem Interview mit dem Fernsehsender »Jewish Channel« gegen Ende letzten Jahres sinngemäß wiederholt. Er erinnerte daran, daß es nie in der Geschichte einen Staat Palästina gegeben habe, daß Judäa und Samaria bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert hinein vom Osmanischen Reich verwaltet wurden, und daß die Menschen, die heute als »Palästinenser« bezeichnet werden, Araber und historisch ein Teil der arabischen Gemeinschaft sind. Er sprach von einem »erfundenen Volk«, womit er sich darauf bezieht, daß niemand je von »Palästinensern« gesprochen hat, bevor die Antisemiten Nasser und Arafat in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts diesen Begriff zu Propagandazwecken aufgebracht haben. Obamas diplomatische Bemühungen im Nahen Osten bezeichnete Gingrich als realitätsfern: Diese »wären so, als ginge man mit einem kleinen Kind in den Zoo und erklärte ihm, der Löwe sei ein Kuschelhäschen.«
Sowohl Meïr als auch Gingrich sind für ihre Bemerkungen vom »erfundenen Volk« stark gescholten worden, dabei haben sie nur das wiederholt, was auch arabische Führer in unvorsichtigen Momenten sagen.
April 5th
Dieser Hundt will deine Frau: Das Weib als Volkseigentum
5. April 2012
Dieter Hundt, Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände, hat, wie DPA meldet, das von der Koalition geplante Betreuungsgeld als »unsinnig« und »grundverkehrt« bezeichnet. Worum geht es? Die Bundesegierung war so leichtsinnig, zu versprechen, bis August 2013 den Rechtsanspruch auf einen Kinderkrippenplatz für Kinder zwischen ein und drei Jahren durchzusetzen. Schaffen müssen die Plätze freilich die Kommunen, die sich dazu teilweise aber gar nicht in der Lage sehen. Um die Situation zu entlasten, will man nun Eltern, die ihr Kind nicht in einer Betreuungseinrichtung parken, einen geringen Teil des Geldes zukommen lassen, das ein Kindergarten- bzw. Krippenplatz verschlingen würde. Dieser wird monatlich mit jeweils etwa 1.000 € Steuergeld subventioniert, die Eltern sollen davon aber nur 100 bis 150 € bekommen. Dies ist im Koalitionsvertrag grundsätzlich festgelegt, offiziell freilich nicht aus Spargründen, sondern um der Wahlfreiheit der Eltern zwischen Eigen- und Fremdbetreuung nicht gar so deutlich im Wege zu stehen.
März 29th
Geierismen VI: Über Theologie
29. März 2012
Gott hat dem Menschen mit seinem Wort einen ziemlich unbequemen Maßnahmenkatalog übergeben. Dieser jedoch ist findig. Mit der Theologie hat er eine ganze Industrie von Sophisten hervorgebracht, die er zu dem einzigen Zwecke fürstlich entlohnt, daß sie ihm — bei gleichzeitiger Wahrung des frommen Scheins — wohlklingende Begründungen finden, warum Gott nicht gemeint haben könne, was er gesagt hat.
März 28th
Citat des Tages LIII
28. März 2012
Das ist Demokratie: Wenn sich die Wahrheit nach der Mehrheit richtet.
Dieter Nuhr, Kabarettist
(Man könnte anmerken: Theokratie wäre, wenn sich die Mehrheit nach der Wahrheit richtete.)
März 26th
Abwehrzauber gestern und heute
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26. März 2012
Schutz- bzw. Abwehrzauber, sogenannte »apotropäische Handlungen«, gehören zum Standardrepertoire esoterisch verwirrter Seelen aller Kulturen. Gegenstände, die an dem zu schützenden Gut angebracht werden, sollen dieses vor bösen Einflüssen schützen. Allein das »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« nennt auf einem Dutzend Seiten so viele Variationen, daß diese unmöglich alle hier aufgeführt werden können.
Einige seien trotzdem kurz genannt: Ziemlich bekannt sind die oben abgebildeten gekreuzten Pferdeköpfe am Hausgiebel, die in verschiedenen Gegenden Deutschlands vorkommen und auf germanische Wurzeln zurückgehen, ebenso wie die Germanen auch Tierschädel an Giebeln und über Türöffnungen anbrachten, um böse Mächte abzuwehren. An Wikingerschiffen wurden Drachenköpfe angebracht, um sie zu schützen. Der Versuch, Dämonen durch möglichst grausiges Bildwerk abzuschrecken ist seit der Antike überliefert.
Die Katholisierung des Heidentums hat am Aberglauben nichts geändert: Das Bild der Heiligen Leonhard oder Wolfgang, auf einem Blechtäfelchen über der Stalltür angebracht, soll gegen das Einbrechen wilder Tiere schützen. Am Dreikönigstag wird an Haustüren katholischer Haushalte heute noch mit geweihter Kreide C+M+B geschrieben. Hufeisen werden über Stall-und Eingangstüren genagelt, mitunter auch am Kühlergrill von Kraftfahrzeugen angebracht.
März 24th
Schrift und Geschriebenes
24. März 2012
Als amerikanische Soldaten in Afghanistan im Februar in einem Gefängnis beschlagnahmtes Material verbrannten, waren auch Quran-Exemplare unter diese Papiere geraten. Das hätte ja schon gehörig Ärger gegeben, wenn es in Deutschland passiert wäre: Papier verbrennen unter freiem Himmel, Rauch produzieren und Feinstaub, ohne die vorgeschriebenen Filteranlagen, mit denen eine deutsche Müllverbrennungsanlage ausgerüstet zu sein hat, verstößt erstens gegen das Bundes-Emissionsschutz-Gesetz, zweitens ist es Frevel gegen die staatlich verordnete Klima-Religion. Da hätte man sich schnell eine Ordnungsstrafe eingehandelt. In Afghanistan wird das aber noch einmal ganz anders bewertet: Als einige Afghanen die Quranschändung bemerkten, machten sie dies publik, und das Land wurde von einer blutigen Protestwelle erfaßt, der bisher schon über dreißig Menschen zum Opfer fielen.
Der Amoklauf eines Soldaten kurz darauf im März, bei dem sechzehn oder siebzehn Afghanen ums Leben kamen, unter ihnen viele Kinder, hat zwar auch zu Protesten geführt, aber diese scheinen nicht annähernd so heftig ausgefallen zu sein. Zählen Menschenleben in Afghanistan also weniger als bedrucktes Papier? Nun gibt es keine Maßeinheit für Empörung, und auch die Zahl der Toten im Gefolge der Proteste ist kein Indikator im mathematisch exakten Sinne. So scheint es einerseits zwar offensichtlich, daß ein verbrannter Quran die afghanischen Gemüter stärker erhitzt als ein erschossenes Kind, nachzuweisen ist es indes nur schwer.
März 18th
Über Bezahlonkels und den Kern des Evangeliums
18. März 2012
Letzte Woche habe ich in der Zeitung gelesen: Über 8 Millionen Philippinos arbeiten im Ausland und versuchen auf diese Weise, sich oder ihre Familien durchzubringen. Es gibt auf den Inseln einfach nicht genug Arbeit für alle. Häufig sind es Familienväter, die im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken. Da kann es schon einmal vorkommen, daß es Ärger gibt, wenn sie heimkommen: Streit um die Erziehung der Kinder zum Beispiel, die sie sich ganz anders vorgestellt hatten. Durch die Ferne sind sie zu Bezahlonkeln geworden, deren Geld gern genommen, denen aber kein wirklicher Einfluß zugestanden wird. Nun ist dieses Familienmodell buchstäblich aus der Not geboren und nicht ideal; freilich gibt es auch hier in Deutschland ein großes Heer von Bezahlonkeln. Zumeist hat es diese zwar nicht durch wirtschaftliche Not ins Ausland verschlagen, sondern sie wurden aus ihren Familien herausgedrängt und von Familienrichtern dazu verurteilt, für den Unterhalt ihrer Familie zu zahlen, ohne aber deren Geschicke wirklich steuern zu dürfen.
All das hat mich zu dem Gedanken veranlaßt, daß auch viele Christen Gott so behandeln: Wie einen fernen Vater, ja einen Onkel in Übersee, der dafür verantwortlich ist, unsere Rechnungen zu begleichen, uns aber ansonsten möglichst nicht dazwischenreden möge.
März 12th
Henryk M. Broder · »Vergeßt Auschwitz!«
12. März 2012
Henryk M. Broder
»Vergeßt Auschwitz!«
Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israel-Frage
Gebunden, 176 Seiten, € 16,99
Albrecht Knaus Verlag
ISBN 978-3813504521
Gelegentlich fällt es nicht ganz leicht, Broder ernstzunehmen. Mit seinem Hang zur Kasperei leistet er sich mitunter Provokationen, die völlig unnötig scheinen. Und doch bringt er andererseits immer wieder wichtige und kluge Impulse in den öffentlichen Diskurs ein.
März 10th
Citat des Tages LII
10. März 2012
Soweit ich es beobachten kann, befinden sich die evangelikalen Freikirchen heute etwa auf dem selben geistlichen Niveau wie die großen Landeskirchen vor 30 bis 40 Jahren. Das Christentum wird zwar noch bekannt, aber nicht mehr gelebt.
gefunden auf »Christlicher Aussteiger«
März 9th
»Mit Gottvertrauen Bildung bauen«
9. März 2012
Der sehenswerte Film über Familie Dudek, den ich letztens als »Link des Tages« vorgestellt hatte, kann jetzt hier als DVD bestellt werden.




