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Von Radikalen, Rechtsanwälten und Distanzierern: Ein Nachtrag


By Geier - Posted on 03 Januar 2012

3. Januar 2012

 

Das lateinische Wort »Radix« bezeichnet eine Wurzel, einen Ursprung, eine Quelle, auch ein festes Fundament. Radikale sind also Verwurzelte, Gründliche und selbst Gegründete, oft auch Leute, die Probleme an der Wurzel anpacken, weswegen für andere, die ein Problem, wenn überhaupt, lieber nur oberflächlich behandeln, »Radikaler« ein Schimpfwort ist.

Vor ein paar Tagen hatte ich die Strafanzeige einer Berufsgrünen gegen Wilfried Plock und einige christliche Verlage kommentiert und auch die Begleitung des Falles durch den NDR gewürdigt, heute will ich zu dem Thema noch ein paar Gedanken nachtragen.

Durch seinen Rechtsanwalt hat Plock nun den NDR aufgefordert, künftig die Behauptung zu unterlassen, er sei ein radikaler Christ. Ich kann mir nicht helfen: Wenn ich das lese, sehe ich Plock vor mir, wie er vor seinem Schöpfer steht, der gerade sagen will: »Du bist ein guter und treuer Knecht und ein radikaler Christ gewesen, gehe ein in die Freude deines Herrn« und Plock ihm antwortet: Radikaler Christ? Du wirst in dieser Angelegenheit noch Post von meinem Anwalt bekommen!

Aber nicht nur Plock distanziert sich von jeglicher Radikalität, natürlich hat die NDR-Berichterstattung auch die kirchliche Verurteilungs- und Distanzierungsindustrie angekurbelt: Mit Aussagen wie: »Wer seine Rute spart, haßt seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, sucht ihn früh heim mit Züchtigung.« (Spr. 13, 24) will hier niemand im geringsten in Verbindung gebracht werden. Was ist die Bibel dem gemeinen Kleriker doch auch peinlich! Deswegen hat er sich ja auch jahrelang geplagt und studiert, warum das alles nicht so sein kann, wie es da geschrieben steht. Daß Berufschristen behaupten: »Es ist nicht alles, was in der Bibel steht, so 1:1 zu übernehmen« ist das Publikum inzwischen ja gewöhnt. Damit da überhaupt noch jemand hinhört, muß man sich schon etwas ganz besonderes einfallen lassen. Und siehe da: Eine Doppelnamen-Oberlandeskirchenrätin, von der auch das gerade angeführte Citat stammt, löst diese Aufgabenstellung mit Bravour und versteigt sich gegenüber dem NDR zu der bemerkenswerten Formel: »Nicht alles, was in der Bibel steht, ist biblisch angemessen.« Wahrlich, wahrlich, Frau Käßmann hätte das nicht schöner sagen können. Wenn sich das ein Kabarettist ausgedacht hätte, würde jeder sagen: Jetzt trägt er aber wirklich zu dick auf, aber die Akteure des wirklichen Lebens schlagen die Satire doch immer wieder um Längen. Und, nein: Auch der Context des Interviews macht solche oberlandeskirchenrätliche Dialektik nicht verdaulicher, weshalb ich die Dame sowie die geschätzte Leserschaft mit einer Verlinkung dieses Elends verschone.

Stattdessen will ich eine viel interessantere Frage aufwerfen: Ist die grüne Strafanzeige gegen die Verleger von Erziehungsratgebern vielleicht nur Probelauf und Vorbereitung für den ganz großen Coup? Wenn Verleger von Secundärliteratur zur Bibel wegen »Aufrufs zu Straftaten« verurteilt würden, was müßte dann erst Verlegern geschehen, welche die Primärquelle für die inkriminierten Sätze herausgeben: Die Bibel selbst? Wird hier im Hintergrund ein Bibelverbot vorbereitet? So absurd der Gedanke scheint, so folgerichtig muß er andererseits einem grünen Hirn vorkommen. Man kann das natürlich umgekehrt auch positiv sehen: Solange die Bibel ein legales Buch ist, dürfte eigentlich niemand verurteilt werden, nur weil er Ratgeber verbreitet, die Teile der Bibel citieren. Sicher ist das heutzutage freilich nicht. Ich hatte vor längerer Zeit schon die eigentümliche Rechtslage in Schweden erwähnt, die es einerseits erlaubt, biblische Aussagen zur Homosexualität zu citieren, andererseits aber nicht, sie in einen Bezug zur Gegenwart zu setzen. Es ist abzuwarten, ob sich solche Schizophrenie auch in Bezug auf die biblischen Aussagen zu Kindererziehung juristisch durchsetzt. Das würde es den Achtundsechzigern in Kirche, Politik und Rechtspflege erlauben, die Bibel als liturgisches Requisit kirchlicher Inscenierungen beizubehalten, ohne daß ihnen ihr subversiver Inhalt zu nahe träte. Dann sollte man aber wenigstens so konsequent sein, es in der Kirche mit der Bibel so zu handhaben wie mit den Dekorationsbüchern in den Regalen einiger Möbelhäuser: Repräsentativer Einband und leere Seiten. Ist ja schließlich auch billiger.

 

 

 

 

Rückblick 1. Lesertreffen

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