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Alexander Neubacher · »Ökofimmel«


By Geier - Posted on 09 Juli 2012

9. Juli 2012

 

Alexander Neubacher

Ökofimmel
Wie wir versuchen, die Welt zu retten — und was wir damit anrichten

gebunden, 272 Seiten
Deutsche Verlags-Anstalt
ISBN 978-3421045492
€ 19,99

 

Hätten Sie gewußt, daß ein Apfel, der auf einer neuseeländischen Farm angebaut und dann um den halben Globus geschafft wurde, um dann hier beim Discounter verkauft zu werden, am Ende eine bessere Ökobilanz hat, als ein Apfel, den Sie sich vom Biobauern aus dem nächsten Dorf holen — oder daß für die Herstellung der Batterien eines Elektroautos fast so viel Energie aufgewendet werden muß, wie ein Kleinwagen während seiner gesamten Laufzeit verbraucht, so daß die gesamte Energiebilanz des Elektromobils schlechter ist als die eines gewöhnlichen Dieselwagens? Dies gilt zumindest dann, wenn letzterer mit konventionellem Diesel befeuert wird, denn die Öko- und Energiebilanz von Bio-Diesel (wie auch von Bio-Ethanol) ist schlicht katastrophal. Wußten Sie, daß Bioprodukte weder nachweislich gesünder sind als solche aus konventioneller Landwirtschaft, noch umweltfreundlicher hergestellt?

Alexander Neubacher beschäftigt sich in seinem Buch »Ökofimmel« auf 250 Seiten FSC-zertifizierten Papiers mit einem Herangehen an den Umweltschutz, das zwar von viel gutem Willen und ideologischem Eifer, zumeist aber wenig Sachverstand geprägt ist, und er kommt zu dem Ergebnis: Durchaus nicht alles, was mit einem Öko-Siegel versehen ist, nützt auch wirklich der Umwelt. Dabei gehört er durchaus selbst zu den »Guten«, die Müll trennen, Bioprodukte kaufen und Wasser sparen. Irgendwann konnte er aber doch nicht mehr übersehen, daß vieles, was uns heute als ökologische Errungenschaft verkauft wird, einem wirksamen Umweltschutz entgegensteht. Dabei ist die Sache an sich ja schon kompliziert genug: Windkraftwerke helfen zwar, fossile Energieträger einzusparen, werden aber von BUND-Mitbegründer Enoch zu Guttenberg als »hocheffiziente Geräte zur Vernichtung von Vögeln und Fledermäusen« bezeichnet (siehe auch dieser Artikel). Biosprit spart zwar Erdöl, bewirkt aber, daß zum Anbau von Energiepflanzen Wälder abgeholzt und Nahrungsmittel verknappt werden. Solarzellen wiederum verschlingen für ihre Herstellung unglaubliche Energiemengen und enthalten teilweise hochgiftige Substanzen, deren Entsorgung bisher nicht geregelt ist. Wenn dann aber zu ohnehin schon ambivalenten Sachverhalten auch noch ideologische Scheuklappen und handfeste commerzielle Interessen kommen, kann das nur zu absurden Ergebnissen führen.

Und so beschreibt Neubacher die grünen Lebenslügen mit etlicher Sachkenntnis, ordentlicher Faktendichte und lockerer Feder. Er erklärt, daß eine reine Bio-Landwirtschaft wegen ihres immensen Flächenverbrauchs unmöglich die Menschheit ernähren könne, daß es den »Ökoimperialisten« und »grünen Khmer« letztlich gar nicht mehr um praktischen Umweltschutz, sondern um die Errichtung einer Ökodiktatur geht, und weist nach, daß die Umwelt immer dort am besten geschützt wird, wo die Wirtschaft gesund wächst.

Es gibt also einerseits viel zu lernen bei Neubacher. An einem wesentlichen Mangel hat das Buch aber schwer zu tragen: Obwohl er die controversen Argumente kurz vorstellt, die für oder gegen den menschlichen Einfluß auf das Klima sprechen, behandelt der Autor die abenteuerliche These von der CO2-verursachten Erderwärmung denn doch wie eine feststehende Tatsache und bezieht sich in zahllosen Beispielen immer wieder auf »CO2-Bilanzen«, die tatsächlich ja völlig irrelevant für tatsächlichen Umweltschutz sind. So gibt das Buch in dieser Hinsicht ein groteskes Bild ab: Während Neubacher einerseits viele kleine Ököirrtümer aufdeckt, schluckt er glatt den ganz, ganz großen Ökoschwindel. Er kennt all die falschen Öko-Prophetien der Vergangenheit, die eine neue Eiszeit, das Waldsterben oder den Sauerstofftod des Bodensees vorausgesagt haben, schafft es aber nicht, den Klimatod der Erde in diese Reihe einzuordnen. Das ist tragisch, denn hier kann das Buch wirklichen Schaden anrichten: Der eine oder andere weniger informierte Leser könnte zu dem Schluß kommen, daß ja doch etwas an der Erderwärmung durch Kohlendioxid dran sein müsse, wenn selbst ein so kritischer Autor wie Neubacher daran glaube.

Immerhin — dem wohl tragischsten bekannten Öko-Irrtum der Geschichte räumt er ausreichend Raum ein: Nachdem die millionenfach tödliche von der Anophelesmücke übertragene Krankheit Malaria von 1946 bis 1963 durch Einsatz des Insektizids DDT bis auf wenige Fälle eingedämmt war, wurde DDT 1963 verboten. Die Krankheit wütete daraufhin wieder wie zuvor. Bis heute gibt es kein Mittel, das Malaria so effektiv bekämpfen könnte wie DDT. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet mit einer Million Toten jährlich, wovon etwa die Hälfte Kinder unter fünf Jahren sind. Grob überschlagen entspricht die Zahl der Menschen, die in Folge des DDT-Verbots an Malaria gestorben sind, der Einwohnerzahl Englands. Erst seit 2006 findet wieder eine vorsichtige Rückkehr zum Gebrauch von DDT statt, das tatsächlich bei verantwortungsvollem Einsatz weitgehend unschädlich ist.

Leider verschenkt Neubacher die Chance, die Parallelität herauszuarbeiten zwischen Rachel Carson, die 1962 mit ihrem emotionalen Buch »Silent Spring« die öffentliche Diskussion anheizte, die zum DDT-Verbot führte, und Al Gore, der 2006 mit dem nicht minder gefühligen Film »An Inconvenient Truth« zur Galionsfigur der Klimareligion wurde. Trotzdem: Wer einen Blick hinter die Kulissen des Ökologismus werfen will, wird in Neubachers Buch eine Fülle interessanter Informationen und Argumentationshilfen finden.

 

 

 

 

 

Eine gekürzte Version dieser Rezension ist erschienen in »factum« 6/2012.

 

 

 

 

Photo: © Geier

 

 

 

 

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